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DER TILT / DIE SCHRÄGLAGE

Unter dem Terminus “Tilt” können Spieler zweierlei verstehen. Einerseits sagt man manchmal ein Spieler ist “on tilt”, d.h. er ist grad mit den Nerven so runter, dass er zockt, als ginge es um sein Leben, aber eigentlich verzockt er Haus und Hof. Kommt aus dem Poker-Jargon, wo man wirklich schlecht spielen kann, also schlechte Entscheidungen im eigenen Spiel trifft, die dann auch zu einer negativen Erwartung führen. Im Physikalischen Roulette kann ein Spieler auch “on tilt” sein, wenn er z.B. als Gucker mal im Brand ist und wie wild setzt, obwohl die Bedingungen offenkundig unspielbar sind. Also immer locker bleiben!

Der “Tilt” der uns hier interessiert ist der Tilt des Kessels, d.h. die Schräglage die er hat. Ein nicht hundertprozentig ausgerichteter Kessel lässt die Kugel an einigen Rauten überzufällig häufig kollidieren – dieses ist die Hauptbedingung für ein erfolgreiches Wurfweiten- oder Kesselguckerspiel. Zu diesem Thema hat eine amerikanische Gruppe interessante Experimente angestellt. Es wurde ein originaler Casino-Kessel auf einem genau justierbaren Tisch befestigt, so dass genau definierte Schräglagen erreicht wurden. Es konnte auch ein Kessel simuliert werden, der nahezu perfekt in waagerechter Lage stand. Bemerkenswert war der Vergleich der Winkelmessungen mittels handelsüblicher Wasserwaagen und digitalem Messinstrument. Dazu eine kleine schematische Grafik:

Wasserwaage

Wir sehen hier die Luftblase der Wasserwaage und dazu die Werte der digitalen Anzeige. Der sichtbare Unterschied einer handelsüblichen Wasserwaage, die um ein Zehntel-Grad geneigt wird ist zu einer vollkommen waagerechten kaum sichtbar. Erst bei 0,25° wurde die erste Strichmarkierung leicht überschritten.
Die Effekte solcher Neigungen am Kessel wurden dann mittels Kugelwürfen ermittelt, daraus entstanden dann Tabellen die zu den Neigungen mittels Chi-Quadrat-Tests Wahrscheinlichkeiten (W%) für ein zufallskonformes Roulette ausgaben.

  • Grad° W%
    0,00° 85%
    0,10° 1,5%
    0,25° 0,1%
    0,50° 0,1%
    1,35° 0,1%

Für ein waagerechtes Roulette kann man also zu mindestens 85% erwarten, dass alle Rauten gleichermaßen getroffen werden. Natürlich kommt es hierbei auch zu Rauten-Favoriten und Rauten-Restanten, aber im Mittel wird jede Raute zu gleichen Anteilen getroffen werden.

Schon bei 0,1° bricht diese Wahrscheinlichkeit erdrutschartig zusammen. Diese geringe Neigung führt schon zu einer Schieflage die genügt, um eine Raute so überzählig zu treffen, dass die Schieflage signifikant wird. Es können dann die besten Rauten weit mehr als doppelt so oft getroffen werden wie die schlechten Rauten. Ab 0,25° kann man nur noch Restwahrscheinlichkeiten dafür benennen, dass dieses Roulette zufallskonform läuft. Bei grossen Schräglagen kann dies dann durchaus dazu führen, dass manche Rauten zu 80% getroffen werden.
Dies zeigt, dass Kugeln ballistisch so sensibel sind, und schon geringste Schieflagen ausreichen um einen starken Tilt zu erzeugen. Daher kann man ruhig die Hypothese aufstellen, dass ein Tisch im Laufe des Tages irgendwann immer einen Tilt hat. Allein das Aufstützen auf den Tisch dürfte schon reichen. Man sollte aber auch darauf achten, auf welchem Radius die Rauten liegen:

Rauten1

Hier werden die senkrechten Rauten von der Kugel häufiger getroffen, da sie früher in die Spiralbahn der Kugel hineinragen als es die waagerechten Rauten tun. Die Mittelpunkte aller Rauten liegen auf einem Radius.

Rauten2

Hier liegen nun die Aussenkanten aller Rauten auf einem Radius, daher werden die waagerechten Rauten öfter getroffen, da sie der Kugel mehr Fläche bieten. Dieses sollte man beachten und zunächst feststellen, wie der vorliegende Kessel beschaffen ist.
Wenn die Kugel keine bevorzugte Fallzone im Kessel aufweist, so sollte man zum nächsten Tisch gehen – keine Chance. Wozu auch Zeit verschwenden, denn Tische mit Tilt sind alles andere als selten, also könnte der nächste Tisch schon ein Kandidat sein. Manchmal ist es gar nicht die Schräglage, die für die Fallzone sorgt, es können auch Unregelmäßigkeiten in der Laufrinne sein, die wie eine Sprungschanze die Kugel öfters an einer Stelle zum Absturz zwingen. Kessel werden auch alle Wochen um ein paar Grad gedreht, damit die Croupiers, die ja immer an der selben Stelle im Kessel abwerfen, keine Abnutzungen an immer derselben Stelle hervorrufen. Dazu kann es auch sein, dass eine Raute etwas ungenau positioniert wurde und einen Millimeter zu weit nach aussen ragt, diese Raute dürfte dann schon ein Favorit werden. Den Tilt des Kessel genau zu kennen gehört zum Handwerkszeug und ist immer der erste Schritt einer Kesselanalyse. Oft genügt es einfach die Kollisionsraute zu notieren und diese in einem Diagramm oder in einer Kreuzliste festzuhalten, hier zeigt sich schon eine Fallzone, falls vorhanden. Oft berührt die Kugel aber mehrere Rauten, wird geradezu von Raute zu Raute weitergereicht, hier muss man entscheiden, ob man die erste oder letzte Kollision notiert. Echte Profis notieren hier zweistufig, nämlich die erste und letzte Kollisionsraute. Man sieht so sehr genau, wie der Kessel gestrickt ist...

[Diesen und weitere Artikel über Roulette Analysen findet man im aktuellen Buch Roulette und Physik]

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